Vom Herminia- zum Residenz-Theater Dresden

Als Glücksritter Thalias versuchten sich zum Beginn der Gründerzeit der mittellose Schauspieler Oswald Baumgart (Inspizient aus Nesmüllers Ensemble) und seine Frau, die Schauspielerin und Sängerin Hermine Stahlberg als Theaterunternehmer. Sie fanden Geldgeber und wohlwollende Behörden und ließen von den Baumeistern Schönherr und Stock in modernster Eisenskelettbauweise ihr „Herminia-Theater“ in der Zirkusstraße errichten.
Eröffnet am 18. Mai 1872, geriet es schon nach kurzer Zeit durch überbordende Ausgaben, eine Publikumsflaute durch die Sommerhitze, die Konkurrenz der Vogelwiese und nicht zuletzt durch Intrigen und Neidkampagnen in schweres Fahrwasser. Am 18. Dezember 1872 wurde das Konkursverfahren gegen Baumgart eingeleitet, das schöne neue Theater durch Pfändung aller beweglichen Teile fast zerstört, in den folgenden Monaten vom Konsortium Heller/ Meyer-Schie gerettet und am 2. Oktober 1873 als „Residenz-Theater“ unter der Direktion von Dr. Hugo Müller wiedereröffnet. Seinen hohen künstlerischen Rang als unterhaltendes und bildendes Volkstheater moderner Prägung nahm es ab 1879 unter der Leitung von Engelbert Karl ein, dessen Familie das Haus bis zur Schließung wegen Baufälligkeit 1934 führte. Mit vielen Ur- und Erstaufführungen bekannter Operetten (u.a. Dresdner Erstaufführungen von "Der Bettelstudent" 1883 und "Lustige Witwe" 1906), zeitgemäßen Schauspielinszenierungen und hervorragenden Künstlern (u.a. Josefine Gallmeyer, Felix Schweighofer und Alexander Girardi als Gäste) konnte es sich mit Theatern in Berlin und München messen und wurde von Arbeitern, Bürgertum und Adel gleichermaßen gern besucht.

Fassade Zirkusstraße Grundriss Parterre 1874 Zuschauerraum Adressbuch 1934 Direktor Engelbert Karl Operette Jadwiga 1901 Operette Walzertraum 1908 Hansen_Aigner_Kattner Karl und Magdalena Witt Operette Autoliebchen 1912

Lage und Gebäudedaten

  • Ausführung durch die Baumeister Schönherr und Stock nach dem architektonischen Vorbild des "Théâtre Lyrique" in Paris

  • modernste Eisen-Skelettbauweise, 1100 Sitzplätze, Bühne 180 qm, Portalöffnung von 10 m Breite

  • 18. 5.1872 Eröffnung als "Herminia-Theater"

  • 1873 Umbenennung in "Residenz-Theater"

  • 1907 kauft die Familie Karl/Witt das Theater vom Konsortium Baruch-Meyer-Schie

  • ab 1929/30 Vereinigte Dresdner Operetten-Bühnen (mit Central-Theater), Pächter: Deutsche Schauspiel-Betriebs-GmbH (Alfred und Fritz Rotter Berlin), Eigentümer und Direktion Residenztheater: Carl Witt (CT Hanns Lüpschütz), Generalbevollmächtigter für beide Theater: Kurt Lerch, Konkurs der Rotter-Bühnen 1933

  • 16.Juni 1933 Wiedereröffnung unter der Direktion Wörtge/Sukfüll

  • 30.Juni 1934 letzte Vorstellung „Wiener Blut“, Schließung des Theaters wegen Baufälligkeit und Brandschutzmängeln

Plan von Dresden 1920

Chronologie (Auszüge)

  • 29.11.1870 Grundsteinlegung für das "Herminia-Theater" auf dem Gelände des ehemaligen "Roten Hauses" Zirkusstraße,
    Unternehmer: Oswald Baumgart und Sängerin Hermine Baumgart-Stahlberg

  • 18. 5.1872 Eröffnung mit „Fromme Wünsche“ Lustspiel von Julius Rosen und „Mannschaft am Bord“ Komische Operette von Ivan Zajc

  • 1.12. 1872 Letzte Vorstellung des Hausensembles unter der Direktion Baumgart
    mit „Mönch und Soldat“ Charakterbild mit Gesang von Friedrich Kaiser
    Konkursverfahren gegen Baumgart

  • 26.1.1873 Beginn des Vorstellungsbetriebes unter der Direktion Nesmüller

  • 18.3.1873 Zwangsversteigerung des Theaters, Erwerb durch das Konsortium Baruch Heller/ Meyer-Schie

  • 2.10.1873 Dr. Hugo Müller, Schauspieler und Schriftsteller (geb. 30. Oktober 1831 zu Posen, † am 21. Juli 1882 zu Niederwalluf a. Rh. , Ehrenpräsident der GDBA),
    übernimmt das Haus und benennt es um in „Residenztheater“,
    spielt selbst als 1.Bonvivant, Salon-und Charakterdarsteller, seine Frau Clara spielt erste Salondamen,
    Vorstände und Verwaltung 11 Personen, Chor 11 Herren und 12 Damen, 28 Technische Mitarbeiter (Garderobe bis Technik), 15 Billeteurs, 6 Zettelträger, 4 Kehrfrauen, Orchester 22 engagierte Musiker, bei Bedarf Verstärkung, Solo 14 Herren, 17 Damen = 140 MA

  • 1878/79 Direktor Ferdinand Dessoir (* 29. Januar 1836 in Breslau; † 13. April 1892 in Dresden, seit 1870 am Dresdner Hoftheater, Ende 1879 Verpflichtung ans Deutsche Theater in Prag),
    Regisseure Schulz und Richter, Orchester 23 Mitglieder, Solo: 12 Herren und 10 Damen, Chor: 11 Herren und 9 Damen

  • 29.9.1879 Direktor wird Engelbert Karl (*München, 5. 5. 1841- † Dresden, 11.10.1891), ,
    eigentlicher Schöpfer des Residenztheaters als drittes Theater Dresdens (!) von künstlerischem Rang Inhaber des Herzoglich-Meiningischen Verdienstordens für Kunst und Wissenschaft, der Bayrischen Tapferkeits-Medaille, des Mecklenburgischen Kreuzes „Für Auszeichnung im Felde“ und der Kriegsgedenkmünze f. Kombattanten 1866 und 1870/71

  • 14.5.1881 Eröffnung der Gartenanlage im Hof des Theaters (DA 15.5.1881)

  • 13.4.1884 Ostersonntag, Premiere DEA „Gasparone“ von Millöcker (Kritik DA 15.4.1884)

  • 3.5.1884 Beginn des Gastspiels von Alexander Girardi in „Rip-Rip“, romantisch-komische Operette von Planquette

  • Allgemeines über die Direktion Karl aus einer Kritik
    (Kritik DA 9.9.1884) Die letzten 5 Jahre des Residenztheaters unter Karl werden als die bisher einzig glücklichen bezeichnet. Neben viel Lob über die Geschäftsführung die Sätze:
    „Sich streng innerhalb der Grenzen bewegend, die bezüglich des Genres einer zweiten hauptstädtischen Bühne gezogen sind, also alles höchst unersprießlichen Hinübergreifens in den Wirkungskreis des Hoftheaters sich enthaltend, hat Herr Karl viel Gutes geboten, namentlich auch alle für Dresden geeigneten neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der Operette, der Posse, des Schwankes etc. in zum Theil ganz vorzüglicher Darstellung und in einem die unvermeidlichen Schwächen im Personal deckenden, wohl abgerundeten Ensemble, es dabei an anständiger, oft opulenter äußerer Ausstattung nicht fehlen lassend, vorgeführt. Nicht unerwähnt dürfen die hochinteressanten Gastspiele beim Residenztheater während dieser Directionsperiode bleiben: die Meininger, Wagners „Walküre“ durch das Wagner-Theater von Angelo Neumann (in der Ausstattung der Uraufführung von Bayreuth, d. Verf.), das Ensemble des Berliner Wallner-Theaters, Carl Sontag, Friederike Bognar, Schweighofer, Girardi etc.“

  • September 1884 Direktor wird Franz Steiner
    13. September 1884 Eröffnung unter Direktion Steiner mit „Nanon“ von Zell und Genée (UA 1877)

  • 1.5.1885 Beginn des Gastspiels von F. J. Nesmüller im Residenztheater mit „Der Registrator auf Reisen“ von L’Arronge und Bial (DA 1.5.1885)
    Nesmüller spielt den Registrator Wichtig

  • 5.5.1885 Beginn des Gastspiels von Anna Schramm (bis 8.5.)

  • 10.5.1885 Beginn des Gastspiels von Felix Schweighofer mit „Ein edler Lump“ von Friedrich Kaiser/Franz Roth,
    Nesmüller spielt mit

  • Mai 1885 Engelbert Karl wird Direktor des Thalia-Sommer-Theaters Chemnitz
    (Saison Mai bis September, 1200 Zuschauer)

  • 11.9.1885 Ankündigung der Neu-Eröffnung des Residenztheaters wieder unter der Direktion Karl.
    Er bleibt gleichzeitig Direktor des Thalia-Theaters Chemnitz
    (Steiner übernimmt das Wallner-Theater Berlin)
    19.9.1885 Eröffnung mit „Der Feldprediger“ von Millöcker,
    Direktor Karl hat das Stück vollständig neu ausgestattet, Kapellmeister ist Ferron vom Wiedner Theater Wien

  • 11.10.1891 Tod Engelbert Karls, das Theater bleibt bis zur Beisetzung am 14. 10. geschlossen;
    seine Witwe Madeleine Karl (*München 10.6.1848, † Dresden 16.6.1924) übernimmt die Direktion und entwickelt das Theater zu Institution ersten Ranges,
    gespielt werden von nun an Große Oper, Spieloper, Klassiker, Lustspiel, Schauspiel, Schwank; Posse, Volksstück und Operette.

  • Stellvertretender Direktor und Oberregisseur Felix Lüpschütz, Anton Matscheg Regisseur der Posse und Operette, 1. Kapellmeister Karl Dibbern, 2. Kapellmeister Ernst Karl, Ballettmeister Ernst Friedrich

  • 1893/94 Artistischer Leiter und stellv. Direktor: Alexander Rotter, führt die Oberregie, speziell die Regie der Operette; Franz Haid, Regisseur des Schauspiels; Carl Friese, Regisseur der Operette; Rudolf Dellinger (*8.7.1857, † 24.9.1910, kommt vom Carl-Schultze-Theater Hamburg), Komponist und 1. Kapellmeister

  • 9.12.1893 Dresdener Erstaufführung der Oper „Die verkaufte Braut“ von Smetana, Kritik DNN 12.12.1893

  • 1895/96 Carl Witt (1862 – 17.5.1930) kommt als jugendlicher Liebhaber und Buffo ins Ensemble und heiratet Julie Karl, zweite Tochter von Madeleine Karl.

  • 1898/99 Willy Karl und Carl Sukfüll kommen ins Ensemble

  • 28.2.1901 Gastspiel-Vorstellung „Der Verschwender“ von Raimund zum Besten der Altersversorgungskasse des Vereins „Dresdner Presse“ mit Adalbert Matkowsky, Felix Schweighofer, Otto Schelper Leipzig, Jenny Groß Berlin, Clara Salbach , Mathilde Löffler und Enrichetta Grimaldi vom Hoftheater Dresden, ausverkauft, „ein glänzendes Auditorium füllte die sonst oft so leeren Räume“, vorzügliche Regie von Herrn Rotter (DKUTZ 3.3.1901)

  • 4.6.1901 Gastspiel Adele Sandrock

  • 4.10.1901 Während der Generalprobe zu „Jadwiga“ von Dellinger – der Erfolg zeichnet sich schon ab - fordert der erfolgsverwöhnte Regisseur Rotter die Direktion des Theaters- der Coup misslingt, Blut ist dicker als Wasser, Carl Witt wird Mitdirektor Bruch zwischen Alexander Rotter und Carl Friese, Rudolf Dellinger und Carl Witt, Rotter verlässt noch während der Probe das Theater,5.10.1901 Premiere „Jadwiga“ von Rudolf Dellinger, Regie: Rotter, Riesenerfolg

  • 2.11.1901 „San-Toy“ von Sidney Jones, Gast Mary Halton

  • 16.4.1902 Beginn des Gastspiels von Josef Kainz im Residenztheater

  • 1903/04 Leopold Jessner kommt als Regisseur und Schauspieler ins Ensemble

  • 1904/05 Oscar Aigner und Ida Kattner kommen ins Ensemble
    27.9.1904 25-jähriges Direktionsjubiläum der Familie Karl, Eigentümer Baruch Heller stirbt, die Erben übernehmen das Residenztheater

  • 20.10.1906 Dresdner EA der Operette „Die lustige Witwe“ von Lehár,
    mit Oscar Aigner als Danilo und Käthe Hansen als Hanna,
    Kritik DJ/DA ab 22.10.1906
    Die Eigentümerfamilie Karl/Witt verdient mit dem Stück 1 Million Mk. und kauft das Theater

  • 29.9.1909 wegen schwerer Krankheit Dellingers wird Friedrich Korolanyi 1. Kapellmeister (jüd. Komponist und Kapellmeister, u.a. „Die Liebesschule“ und „Töff-töff Leutnants“ - Libretto: Carl Witt)

  • Während des I. Weltkrieges spielt das Theater durch
  • 1915/16 Theo Modes wird zusätzlich zu Ignaz Janda Schaupielregisseur, Franz Felix Regisseur der Posse und Operette. Hans Albers kommt ins Operettenensemble (BJB 1916), wird noch 1915 zur Westfront eingezogen und schwer verwundet, Ricco Langer und Carl Sukfüll werden ebenfalls eingezogen

  • 1920/21 Ernst Schicketanz wird 1.Kapellmeister, Heinrich Kunz-Krause 2. Kapellmeister

  • 7/8 1922 Berliner Gesamt-Gastspiel Direktion Hubert Reusch mit „Der Reigen“ von Schnitzler,
    Eintritt nur für Personen über 20 Jahre

  • 5. Oktober 1923 Premiere „Der Graf von Luxemburg“ Operette von Willner und Bodanzky, Musik von Franz Lehár;
    Regie Carl Blumau, ML Ernst Schicketanz, Tänze Adolf Gassert;
    mit Otto Marlé (René), Aida von Paul (Angèle), Georg Wörtge (Brissard), Grete Brill (Juliette), Ida Kattner (Kokozowa) u.a.

  • 1929/30 Vereinigte Dresdner Operetten-Bühnen (mit Central-Theater)
    Pächter: Deutsche Schauspiel-Betriebs-GmbH (Alfred und Fritz Rotter Berlin)
    Eigentümer und Direktion Residenztheater: Carl Witt (CT Hanns Lüpschütz) Generalbevollmächtigter für beide Theater: Kurt Lerch

  • 17.5.1930 Direktor Carl Witt stirbt an Hirnschlag

  • Januar 1933 Konkurs der Rotter-Bühnen

  • 16.Juni 1933 Wiedereröffnung des Residenz-Theaters unter der Direktion Wörtge/Sukfüll

  • 2.8.1933 „Gräfin Mariza“ von E. Kálmán mit Nennung aller jüdischen Autoren im Programm

  • 13.4.1934 Premiere „Die Fledermaus“ mit Martin Kleber als Falke und Grete Eckart als Adele, Georg Wörtge als Frank, Carl Sukfüll als Frosch, Kurt Wildersinn als Blind

  • 18.5. 1934 letzte Premiere „Wiener Blut“ von Johann Strauß Regie Carl Sukfüll,
    mit Oscar Aigner a.G. als Ypsheim und Johanna Schubert (Gräfin), Grete Eckart (Pepi), Magdalena Witt (Cagliari), Otto Marlé (Graf), Carl Sukfüll (Kagler), Kurt Wildersinn (Bitowski),

  • Das Theater wird wegen Baufälligkeit und Brandschutzmängeln geschlossen, es dient bis zur Zerstörung als Lagerraum.
    Die Stadt Dresden kauft den Fundus,
    er wird 1936 dem "Theater des Volkes" (Albert-Theater) übereignet.

Dokumente

"Das große Licht" 1902 Theaterzettel (Theaterarchiv Schwarze)

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"Die Fee Caprice" 1902 Theaterzettel (Theaterarchiv Schwarze)

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"Die lustige Witwe" 1906 Programmheft (Theaterarchiv Schwarze)

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"Gräfin Mariza" 1924/25 Programmheft (Theaterarchiv Schwarze)

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