Die Anfänge des Dresdner Kulturlebens nach dem Kriegsende 1945

8. Mai 1945 - der faschistische Staat und das Zentrum Dresdens lagen in Schutt und Asche. Einerseits überschatteten Hunger, Krankheit, Obdachlosigkeit und Angst vor den Besatzungstruppen das Leben der Einwohner der betroffenen Stadtteile und der zahllosen in Dresden gestrandeten Flüchtlinge. Andererseits wurde die Zone des Grauens umkränzt von einem Ring vielgestaltiger Stadtteile mit teils dörflichem, teils kleinstädtischem Flair. An ihnen war der Krieg fast spurlos vorübergegangen. Mit der Zerstörung der Altstadt hatte auch das kulturelle Herz Dresdens aufgehört zu schlagen. Die überlebenden Kulturschaffenden der Stadt, die vielen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, dem Sudetenland und dem Protektorat nach Dresden geflohenen oder ausgewiesenen Künstler, die Bühnenschaffenden, die von der Front oder aus der Gefangenschaft heimkehrten und die von den Nazis vertriebenen Theaterleute, die nach der Emigration antraten, um die deutsche Kultur ganz neu aufzubauen- sie alle suchten in Dresden ihre Chance. Einige fanden diese Chance zum Überleben u.a. in den Stadtteilen Cotta, Pieschen, Neustadt, Plauen und Leuben, wo geschäftstüchtige Privatunternehmer Spielstätten schufen. Um Konzessionen und Engagements wurde mit harten Bandagen gekämpft. Dass die schwer arbeitende und unter Repressionen leidende Bevölkerung im Unterhaltungstheater und bei Konzerten Zerstreuung und neuen Lebensmut finden konnte, war sowohl für die sowjetische Besatzungsmacht als auch für die mit schier unlösbaren Problemen kämpfende deutsche Verwaltung ein angenehmer Nebeneffekt. Auch die KPD-Genossen der Gruppe Ackermann hatten großes Interesse daran, allen Schichten der Dresdner Einwohnerschaft das Gefühl von Lebensqualität und Zuversicht zu vermitteln, da der Mangel an Lebensmitteln, Heizmaterial und Baustoffen, die Demontagen und Stromsperren und die Konfrontation der Menschen mit den deutschen Kriegsverbrechen und deren Folgen das gesellschaftliche Leben beherrschten. Deshalb wurden in den ersten Nachkriegsjahren neben den staatlichen Theater-Flaggschiffen privatwirtschaftliche Kulturbetriebe geduldet, deren überkommene bürgerliche Ausrichtung auf ideologiefreie Unterhaltung oder klassisch-humanistische Musik- und Bühnenwerke die kulturellen Bedürfnisse eines großen Teiles der Dresdner befriedigte. So entwickelte sich zunächst ab Juni 1945 in Dresden ein buntes Kultur- und Theaterleben, welches im Verlauf der folgenden Jahre in der herrschenden SED genehme Bahnen gelenkt und zunehmend reglementiert wurde. Diese Zeit möglichst umfangreich zu dokumentieren, ist ein wichtiges Anliegen des Theaterarchivs Schwarze.

Ruinen Ringstrasse 1946 Zeitungsanzeigen 1945 Auf der grünen Wiese 1946 Maidemonstration 1946 Ruine Viktoriahaus 1946 Hochzeitsnacht im Paradies 1946 Konzert im Goehle-Werk 1946 Ruine des Albert-Theaters

Chronologie des Anfangs (Auszug)

  • 1. Juni 1945 Eröffnung des „Volksvarietés“ im Kino Schauburg, Königsbrücker Str. 55, Direktion Rudolf Palm
  • Juni 1945 Eröffnung von „Apels Marionettentheater“, Glacisstraße 30, Turnhalle der Volksschule, Direktion Heinrich Apel
  • 10. Juli 1945 Eröffnung des „Interimstheaters der Dresdner Bühnen“ in der Tonhalle, Glacisstr.28, mit „Nathan der Weise“ von Lessing, Direktion Albert Fischel, Erich Ponto, Peter Hamel, Paul Paulsen; 12. Juli erstes Opernkonzert, 14. Juli erstes Operettenkonzert
  • 14. Juli 1945 Eröffnung der „Dresdner Märchenbühne“ im Gasthof Dobritz, Pirnaer Landstr. 14, mit „Hänsel und Gretel“, Direktion Richard Flechsig, ab 1. Oktober Gostritzer Str. 16 (mit 22 Solisten, 8 Tänzerinnen und 8 Mann Orchester BJB 1950, Konzessionsentzug 1. August 1948)
  • 16. Juli 1945 1. Sinfoniekonzert der Staatskapelle unter Josef Keilberth im Kurhaus Bühlau mit Beethoven-Abend
  • 20.Juli 1945 Eröffnung „Neues Theater“ im Gasthof „Goldene Krone“ Kleinzschachwitz, Putjatinstr. 11, mit „Die spanische Fliege“ von Arnold und Bach, Direktion Fritz Randow
  • 21. Juli 1945 Eröffnung „Thalia-Theater“ im Neustädter Kasino, Königstraße 15 (heute Kulturrathaus), mit EA „Glück über Nacht“ musikal. Lustspiel von Fiedler, Direktion Max Neumann (stillgelegt am 12. Januar 1946)
  • 4. August 1945 Eröffnung „Kleines Theater“ in Reick, Reicker Str. 89, mit „Hochzeitsreise ohne Mann“ Lustspiel von Leo Lenz, Direktor Walter Felden (eigentl. Pfaumtsch, ehem. Bibliothekar am Theater des Volkes), Spielleitung Otmar Lang
  • 8. August 1945 Gründung der Centraltheater- Spielgemeinschaft, im „Faunpalast“, ab Februar 1946 Thalia-Theater (Neustädter Kasino) Friedrich-Engels-Str.15, dann Lindengarten, Königsbrücker Str.121, Eröffnung mit „Lisa, benimm dich!“, Direktion Heinz Schlüter, Hans Hansen und Rudi Schiemann
  • 10. August 1945 1. Opernaufführung in der Tonhalle mit „Figaros Hochzeit“ von Mozart, Regie Heinz Arnold
  • 10. August 1945 18:30 Uhr Kurpark „Weißer Hirsch“ Konzertmuschel, 1. Wohltätigkeitskonzert mit Großes Dresdner Rundfunkorchester Gustav Agunte und Dresdner Rundfunk-Tanzorchester Rolf Agunte
  • 12. August 1945 Eröffnung „Festsaal Gittersee“,Karlsruher Str. 83 E, mit Konzert des Kreuzchores, Leitung Rudolf Mauersberger, Kapellmeister Heinz Höglauer, abends Operettenprogramm: Regie Erwin Sachse-Steuernagel, Tänze Adolf Gassert, ab 1. September „Volksoper Plauen“ (Geschäftsstelle Saarstr. 2), Intendant Emil Grotzinger (ehem. Kulturreferent des VI. Stadtbezirkes) Spielleiter Wilhelm Rohde, Operette „Herz immer Trumpf“ von Erwin Sachse-Steuernagel (lyrischer Tenor, Mitglied des „Meister-Sextetts“, Nachfolger der Comedian-Harmonists)und „Eine Reise durch die Welt der Oper“
  • 17. August 1945 Eröffnung „Neues Dresdner Revue-und Varieté-Theater – Theater der Tausend“ im Festsaal des Sachsenverlages (ehem. Goehle-Werk), Heidestr. 4, mit der „Revue des Lebens“ Direktion David und Maria Bader, später „SCALA Dresden“ genannt, Ende wahrscheinlich schon Januar 1946, Gastspiel Operettentheater Heidenau im nun so genannten SVZ-Haus ( Verlagseinzug)
  • 1. September 1945 Eröffnung des Varietés im Elbehotel Demnitz in Loschwitz, Direktion Willy Hartenberger
  • 1. September 1945 Eröffnung „Kleinkunstbühne Osteria“ (Kabarett und Tanzdiele) im Gasthof Meußlitz, Direktion Frau Ali Oster
  • 1. September 1945 Eröffnung der Kleinkunst-und Kammertanzbühne im Gasthof Alberthöhe in Klotzsche mit Klassischen Tänzen und Schauspiel-Einaktern von Goethe, Direktion: Regisseur und Ballettmeister Kurt Kern (früher Admiralspalast Berlin)von der Kammertanzbühne Berlin (aufgelöst Anfang November 1945)
  • 1. September 1945 Eröffnung „Dresdner Märchenspiele“ Königshof, Kreischaer Str. 2, Direktion Hans Fuchs, Spielleitung Intendant Friedrich Schiffermüller, musikal. Ltg.: Ernst Schicketanz, ab November 1945 „Künstlerspiele und Konzertdirektion“
  • 1. September 1945 Eröffnung des Operetten-Theaters (zunächst als Gastspiel) im Ballhaus Watzke Kötzschenbrodaer Str.1, Direktion Paula Maxa und Mario Parlo mit der Operetten-Revue „Liebe, nichts als Liebe“ Kálmán/Lehár, 16.-31. 1. 1946 „Bajadere“, April 1946 „Hochzeitsnacht im Paradies“ ab 5. April 1946 „Hochzeitsnacht im Paradies“, u.a. mit Marianne Kiefer, Balletteinstudierung + Solotänze Ingeborg Kassner
  • 8. September 1945 Eröffnung der Vorspielzeit des „Theaters des Westens“ im Haus Constantia in Cotta mit Premiere der Operette „Karussell der Herzen“ von Leo Vogel, Direktion Leo Vogel (*29.1.1902 Völklingen/Saar)Ehefrau Sängerin Traud Vogel (*30.4.1920?(10!) Dresden) BJB 1936 Leitmeritz, BJB 1950 Zwickau
  • 12. September 1945 Eröffnung des „Theaters des Westens“ im Haus Constantia in Cotta, Meißner Landstr. 4, mit „Post aus Schweden“ von Friese und Wichert, Direktion Leo Vogel
  • 14. September 1945 Eröffnung Kabarett „Kurzweilmühle“ in den Olympia-Lichtspielen, Dohnaer Straße 57, Direktion Hans Rüdiger, mit Erika Rösch-Rüdiger, Christa Lau, Walter René, Alexander Roja, Hilde Grützner, Irene van Berken, Uschi Richter, Vera Burg, Senta Thams, Am Flügel: Alexander Hautsch
  • 20. September 1945 Eröffnung der „Kammerspiele Johannstadt“ Pfotenhauer Str. 92,Festsaal der Schwesternschule, mit 1. Sinfoniekonzert des eigenen Orchesters unter Walter Schartner (* 3. Dezember 1894 in Berlin; † 24. Mai 1970 in Köln, vorher Görlitz) , Direktion Michael v. Iljinski (vorher CT)
  • 22. September 1945 Eröffnung des Operettentheaters Heidenau im „Deutschen Haus“ mit „Die Fledermaus“ von Strauß, Direktion Fritz Nagler
  • 28. September 1945 Eröffnung des „Komödienhauses“ in der Aula des Wettiner-Gymnasiums mit „Die tote Tante und andere Begebenheiten“ von Curt Goetz, Direktion Heinz Pabst und Curt Lerch
  • 4. Oktober 1945 Eröffnung „Westend-Theater Wölfnitz“, Kabarett, Kesselsdorfer Str. 114 (1988 abgerissen, heute Netto-Markt), Direktion Hans Rüdiger, Kapellmeister Alexander Hautsch, Schauorchester Otto Ruhlig
  • 22. Oktober 1945 Konstituierung der „Bühnen der Landeshauptstadt Dresden“
  • 4. November 1945 Eröffnung der „Dresdner Jugendbühne“ Leubnitzer Str. 30 (Lingner-Villa), mit „Aus-Der Traum!“ Politisch-literarisches Kabarett, Direktion Hans Pitra und Hans-Hendrik Wehding
  • 5. November 1945 Eröffnung der „Volksbühne Dresden“ im Haus Constantia in Cotta mit dem 1. Sinfoniekonzert der Staatskapelle unter Keilberth, Direktion Alfred Thiele und Georg Badura
  • 1. Dezember 1945 Eröffnung Puppentheater „Sachsen-Kasperle“, Saal des Cafés Simank, Dresden-Laubegast, Laubegaster Ufer 24, Direktion Jochen Weber-Unger
  • 16. Dezember 1945 1. Große Operettenpremiere im Watzke „Paganini“
  • 25. Dezember 1945 Eröffnung der „Apollo-Künstlerspiele“ im Kleinen Saal des Gasthofs „Feenpalast“ Pirnaer Landstraße 131, mit Zauberkünstler Georg Ackermann vom Wintergarten Berlin und Kabarettprogramm, Direktion Fritz Randow
  • 15. Januar 1946 Eröffnung Kabarett „Die Eulenspiegel“ im Ernemann-Haus, Junghannsstr.1-3, mit „Gänseklein und Leberfett“, Direktion Herbert Krauß und Hermann Werner Kubsch, 19. Januar im Gasthof Dobritz, Regie Charlotte Küter, Mitwirkung Jutta Klingenberg (später Intendantin TjG), Edith Kubsch, Dorothea Hehn, Herbert Krauß, Frank Westphal, Bruno Vogel, Max Lippmann, Musik Dr. Hartmann
  • 16. Januar 1946 Eröffnung der „Vereinigten Volksbühne“ im Haus Constantia in Cotta mit „Kater Lampe“ Gastspiel der Bühnen der Landeshauptstadt, Direktion Therese Angeloff und Fritz Steiner
  • März 1946 CT-Spielgemeinschaft im Neustädter Kasino (heute Kulturrathaus), Premiere „Meine Schwester und ich“ von Benatzky, ML Henry Schmiedel, Regie Hans Hansen, Bühne Johannes Rotheberger, mit Rudi Schiemann, Lilo Opitz, Heinz Schlüter, Anny Aue
  • Pfingsten 1946 ( 8./9. Juni 1946) Eröffnung der Felsenbühne Rathen mit der Operette „Der fidele Bauer“
  • 28.12.1946 Die Sängerin Mara Jakisch wird nach einer Vorstellung von "Bezauberndes Fräulein" der CT-Spielgemeinschaft im "Neustädter Kasino" unter Spionageverdacht verhaftet und verbringt unschuldig 9 Jahre in russischer Lagerhaft in Sibirien
Bezauberndes Fräulein 1946

Dokumente

Programmzettel "Lisa, benimm dich!" CT-Spielgemeinschaft August 1945, Theaterarchiv Schwarze Download PDF