Über hundert Jahre Theater
in Borna bei Leipzig

Stadt- und Operettentheater vor 1945
im Hotel "Zur Börsenhalle"

  • "Stadttheater Borna" im Gasthof „Zur Börsenhalle“ Dinterplatz 27 (AB 1896) bzw. 1 (AB 1904) am Reichstor
    1919 eingerichtet und eröffnet vom Schauspieler und Theaterunternehmer Paul Richter (geb. 1873, gest. 13. Mai 1938 in Bad Lausick)
    Paul Richter hatte sein erstes Engagement 1892/93 als Chargenspieler bei der Direktion Uhle, die in Werdau, Schmölln und Rosswein spielte.
    In den folgenden Jahre ist er mit der Direktion Cäcilie, verwitwete Hermann Korb (im Geschäft seit 1810) in Sachsen und Thüringen unterwegs. Er gibt Erste Liebhaber und Helden und heiratet die Soubrette Jenny Korb, Tochter der Prinzipalin. Mehrere Kinder des Paares stehen gleichfalls auf der Bühne, teils ab dem dritten Lebensjahr.
    Ab 1907 wirkt Paul Richter als Geschäftsführer und Regisseur in verschiedenen reisenden Gesellschaften und als Schauspieler in Mannheim.

  • 1919-20 Stadttheater Borna, verbunden mit den Theatern zu Geithain, Frohburg und Bad Lausigk;
    800 Plätze, Spielzeit: Ganzjährig;
    Direktion: Paul (Friedrich Wilhelm) Richter, zugl. Direktor des Kurtheaters Bad Lausigk; Leitung: Emil Walden, Spielleiter der Posse; Otto de Nolte, Spielleiter der Operette und Kapellmeister; Emmi Schindler, Souffl.; Jenny Richter, Kass.; 6 Solistinnen, 7 Solisten; Chor: 3 Herren/3 Damen (BJB 1920, S. 320)

  • 1920-22 Vereinigte Theater in der Amtshauptmannschaft Borna
    Bis 1922 wächst das Solistenensemble auf 20 Personen an, es ist anzunehmen, dass sie zusätzlich die Chorpartien sangen oder Laiensänger hinzugezogen wurden. Unter anderem wurden in diesen Jahren aufgeführt: "Die Csárdásfürstin" (Kálmán), "Die Rose von Stambul" (Fall), "Der Vetter aus Dingsda" (Künneke) und "Die keusche Susanne" (Gilbert).

  • 1922 wird der Theaterbetrieb in Borna bis 1928 eingestellt, da Paul Richter Direktor des Stadttheaters Schweidnitz/Oberschlesien wird.


  • Am 15. Mai 1928 Neueröffnung unter dem Namen "Operettentheater Borna" als Sommerbühne für Paul Richters Stadttheaterensemble aus Schweidnitz
    Paul Richter, Direktor, Oberspielleiter und Schauspieler am Stadttheater Schweidnitz und zugl. Sommerdirektor des Operettentheaters Borna und des Kurtheaters Bad Charlottenbrunn

  • 1930-33 Operettentheater Borna, verbunden mit dem Kurtheater Bad Lausick
    500 Plätze, Spielzeit Juni bis September;
    Eigentümerin Börsenhalle Borna: Hedwig Feyerabend ; Eigentümer Kurtheater Bad Lausick: Paul Winkler
    Direktion: Paul Richter, zugl. Direktor des Stadttheaters Schweidnitz/Oberschlesien (Winterspielzeit)
    Leitung: Herbert Richter (Sohn) Spielleiter der Operette; Werner Schubert, 1. Kpllm.; Franz Bummer (Salonorchester in Borna), Musikdirektor; Georg Bannas, Sekr. und Inspiz.; Emma Korb, Souffl.; Jenny Richter, Kass.;(BJB 1932, S. 206)


  • Nach 1933 wird der Theaterraum von gastierenden Ensembles bespielt.
    z. Bsp. Sächsische Kulturbühne Chemnitz (eröffnet 1. April 1925, Wanderbühne, Chemnitz-Mittelstr.1) Spielzeit 1. September 1935 bis 31. Mai 1936;
    Neues Künstler-Theater Leipzig (Wanderbühne, Leipzig-Promenadenstr.15; spielt auch in Grimma und Wurzen).

Kreistheater Borna
1945 - 1963

  • Eröffnet am 1. September 1945 als Landkreistheater GmbH,
    586 Plätze, Turnerstraße 1 (heutige Sachsenallee) Um- und ausgebaute ehemalige Turnhalle, Baujahr: 1892

  • Intendant und Oberspielleitung: Heinz Deutschbein, zumindest Verwaltung zunächst Reichssteinweg 11.

  • (BJB 1948, S. 138) Leitung: Fritz Werth, Oberspielleiter des Schauspiels und Schauspieler; Rudolf Massias,Oberspielleiter der Operette und Sänger; Ludwig Göttl, Spielleiter der Operette und Sänger;
    Friedrich Schille, Bühnenbildner; Walter Patzt, Ballettmeister, Sänger und Tänzer; Arthur Völkel, Kapellmeister; Wilhelm Hilscher, Solorepetitor; Nancy Greiner-Lang, Korrepetitorin

  • Solopersonal Schauspiel und Operette (mit mitwirkenden Vorständen): 26, jeweils 13 Damen und Herren, darunter Charlotte Rennhack und Rosel Wagner
  • Ballett: 1 Herr, 6 Damen | Orchester: 19 Mitglieder

  • März 1949 Fusion mit dem Kreistheater Grimma, Sitz Wurzen Intendant beider Häuser wird Willy Schweighöfer (* 2. Dezember 1906; † 1980), bis dahin Gründungsintendant des Kreistheaters Wurzen. (Mitglied der NSDAP seit 1.5.1933 Wikipedia; BJB 1939, S.437/438: Spielwart und Schauspieler am Landestheater Saarpfalz Kaiserslautern; BJB 1944, S.216: Spielleiter des Schauspiels und Schauspieler am Vereinigten Stadttheater Eger-Franzensbad im Sudetenland)


  • (Theater-Film_Funk 1950, S. 41) Leitung: Intendant/Oberspielleiter des Schauspiels und Schauspieler: Willy Schweighöfer;
    Franz Gutzlaff, Spielleiter des Schau- und Lustspiels und Schauspieler; Franz Berres, Spielleiter und Schauspieler; Hans-Günther Bohm, Dramaturg, Spielleiter und Schauspieler; Hans Rainer, Spielleiter des Lustspiels und Schauspieler;
    Fritz Schlegel a.G., Oberspielleiter der Operette und Sänger; Alfred Müller-Kaynsberg, Bühnenbildner und Ausstattungsleiter; Walter Patzt, Ballettmeister, Spielleiter und Sängerdarsteller; Thea Lehmann, Märchenspielleiterin und Schauspielerin;
    Arthur Völkel, 1. Kapellmeister und musikalischer Oberleiter; Wilhelm Hilscher, Kapellmeister und Chordirektor;

  • Solopersonal Schauspiel und Operette (mit mitwirkenden Vorständen): 20 Herren, 10 Damen
  • Ballett: 8 Damen, 1 Herr (Patzt); 1. Solotänzerin Ilo Siegert (Gattin Schweighöfer)
  • Chor: 6 Herren, 5 Damen
  • Orchester: 21 Mitglieder

  • Auszüge Haushaltsplan Spielzeit 1951/52 (Quelle: Sächsisches Haupstaatsarchiv Leipzig, Bestand 20231 Kreistag / Kreisrat Borna, Nr. 0143; Blatt 12/13: Neuengagements und Haushaltsmittel, Kreisrat Borna, 14.6.1951)
    Mittel für künstlerisches Personal: 381.600 DM; Mittel für technisches Personal: 103.100 DM; Mittel für Verwaltungspersonal: 33.500 DM

    Beispiele Monatsgagen: Intendant 1000,-; 1. Spielleiter Schauspiel 500,-; 1. Held und Liebhaber Schauspiel 300,-; 1. Heldin und Salondame Schauspiel 400,-;
    Oberspielleiter Operette 600,-; 1. Opern- und Operettentenor 950,-; 1. Operettensängerin 550,-; 1. Gesangssoubrette 375,-;
    Chor 1. Tenor/1. Bass 275,-; Ballett Gruppentänzerin 235,-; Orchester 1. Kapellmeister 500,-; 1. Violine 354,-; 1. Flöte 310,-;
    Inspizient Operette 375,-; Theatermeister/Beleuchtungsmeister 432,-; Requisiteuse/Ankleiderin 207,-; Bühnenarbeiter 255,-;
    Verwaltungsdirektor 700,-; Kassiererin 254,-; Reiseleiter 250,-; Einlassdienst 80,-;

  • Schweighöfer bleibt bis 1956 Intendant und führt das Mehrspartentheater Borna erfolgreich.
  • Nachfolger als Intendant wird Udo Krams (1952-1955 Intendant Stadttheater Döbeln)

  • 1960/61 Rekonstruktion des Hauses
  • Ende der Spielzeit 1962/63 Auflösung des Theaters Heute Stadtkulturhaus Borna

  • Mein besonderer Dank gilt Frau Gerda Seyfarth (* 1929) aus Leipzig, welche von 1961-63 als Chorsängerin und Inspizientin am Theater Borna tätig war. Sie gab mir einen interessanten Zeitzeugenbericht und stellte ihre privaten Theaterfotos für das Theaterarchiv zur Verfügung.

  • Aus dem Bericht von Gerda Seyfahrt (Interview Januar 2022)
    Aufgewachsen in einem musikalischen Elternhaus in Bad Lausick, machte Gerda 15 Jahre mit ihrem Vater Tanzmusik, spielte Klavier, Gitarre und Akkordeon und sang dazu. So wurde 1960 ihre Stimme entdeckt und Gerda ermutigt, die Theaterbühne zu erobern.
    Ohnehin theaterbegeistert und seit 1948 mit der Familie im Theater-Anrechtsring für Borna und Altenburg, nahm sie Gesangsunterricht und trat im August 1961 in den Extrachor des Theaters Borna ein. Ihren Einstieg hatte sie in einem Revue-Programm, welches während einer Rekonstruktionsschließung des Hauses 1961 in 17 Abstecherorten (darunter Altenburg, Böhlen, Regis-Breitingen, Penig, Lunzenau, Grimma, Colditz, Torgau, Geithain, Rochlitz, Wurzen, Delitzsch, Deutzen) gespielt wurde. In diesem Programm war auch die Szene der Singschule aus der Oper "Zar und Zimmermann" enthalten - ein hervorragender Start ins Chorsängerleben. Jede Inszenierung wurde in dieser Zeit 33 Mal (Borna und Abstecherorte) aufgeführt.
    Gerdas erstes Stück war "Der Vogelhändler", es folgten "Zar und Zimmermann" und "La Périchole". Sehr gute Erinnerungen hat sie an die Zusammenarbeit mit Regisseur Charly Czieslik und Chordirektor Horst Becker, die beide auch selbst auf der Bühnen standen, und die Rollengestaltungen durch die Theaterlegende Lu Einsiedel. Auch mit Bühnentänzen kam Gerda sehr gut zurecht und hatte mit ihrem Bühnenpartner oft kleine Soloaufgaben. Ein ganz besonderes gesangliches und szenisches Erlebnis wurde die Mitwirkung in Verdis Oper "Die Macht des Schicksals". Die Solopartien waren ausschließlich aus dem Hausensemble besetzt.
    Zusätzlich zur Chorarbeit vertrat die vielseitig interessierte Gerda zuweilen die Reqisiteuse. In "2x Madeleine" gab sie ihren Einstand als Inspizientin. Über zwei damalige Malheure bei dieser Arbeit kann Gerda Seyfarth heute herzlich lachen. Einmal vergaß sie das dritte Klingeln und gab "Saal dunkel!". Dirigent Völkel, glücklicherweise ein heiterer Gemütsmensch, begann vor halbleerem Saal, und die Leute tasteten sich im Finstern zu ihren Sitzen. Ein andermal fühlte sie sich schlecht, obwohl sie keine Schuld hatte. Gerda wurde auf dem Dienstplan vergessen und nahm an, dass ihr Inspizientenkollege eingeteilt war. Sie hatte einen schönen Kinoabend und das Ensemble war ohne Inspizient auf Abstecher. Ein Chorkollege musste auf lustige Zeichengebung der Solisten von der Bühne die Vorstellung fahren. All diese Zusatztätigkeiten liefen damals über mündliche Absprachen mit den Ensembleleitern, basierten auf Talent und Einsatzfreude und waren selbstverständlich in der verschworenen Gemeinschaft eines Stadttheaters.
    Leider sollte das alles nicht mehr lange so weitergehen.

    (Im Februar 1961 wird DDR-Kulturminister Alexander Abusch durch Hans Bentzien ersetzt. Auf der 1. ZK der SED-Tagung im Januar 1963 wurde Chefideologe und Kulturfunktionär Kurt Hager Mitglied des Politbüros. Vom 15. bis 21. Januar 1963 fand der VI. Parteitag der SED statt. Er beschließt das Neue ökonomische System zur Planung und Leitung der Volkswirtschaft, welches auch auf die Bereiche der Kultur angewendet werden soll.)
    Die Spielzeit 1962/63 begann ganz normal. Im Frühjahr 1963 machten erste Gerüchte über Schließungsabsichten die Runde und Ostern wurden die ca. 130 Mitarbeiter offiziell in Kenntnis gesetzt, dass Borna und acht weitere Theater aufgelöst werden. Alle mussten sich neue Engagements suchen. Für ihre Mitarbeit im Extrachor hatte die Privatausbildung Gerdas genügt, für ein Neuengagement als Chorsängerin musste sie eine staatliche Prüfung ablegen. Mit fünf Kolleginnen reiste sie nach Berlin und bestand vor der Kommission des Bühnennachweises im Klub "Möwe" diesen Berufsabschluss (Prüfungsfächer Musikgeschichte, Klavier, Marxismus-Leninismus, Gesang).
    Die Ehefrau und zweifache Mutter Gerda Seyfarth bekam eine Empfehlung an das Stadttheater Döbeln. Damit war ihre kurze, aber sehr beglückende und abwechslungsreiche Bühnenkarriere beendet, denn dieser Ortswechsel war aus familiären Gründen nicht möglich.


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