Nesmüller und seine Theater in Dresden

Das österreichische Multi-Talent Josef Ferdinand Nesmüller kann mit Fug und Recht als Vater des modernen bürgerlichen Volkstheaters in Dresden bezeichnet werden. Mit dem hohen Anspruch einer Symbiose von Bildungs- und Unterhaltungstheater für alle Stände begründete er eine Tradition, die bis heute in der "Staatsoperette Dresden" und den privaten Theatern der Stadt weiterlebt. Seine legendären Gestaltungen der großen komischen Rollen der Operette, die Führung des Ensembles seines "Zweiten Theaters" zu hoher professioneller Qualität und die höchst erfolgreichen erstmaligen Interpretationen der Werke Offenbachs und Suppés in Dresden machen ihn zu einem Großen der Theatergeschichte dieser Stadt. Bedeutend auch seine Fähigkeiten in Bezug auf die Repertoiregestaltung - neben seinen vielen eigenen Stücken und den gängigen Possen und Schwänken aus Wien und Berlin bereichern Werke von Shakespeare, Schiller und Gogol den Spielplan. Immer sucht Nesmüller nach neuen Ausdrucksmitteln und dem Weg zu einer fesselnden realistisch-dramatischen Bühnendarstellung, die sich von der Hoftheater-Konvention unterscheidet. So lässt er Volkstypen mit den Händen in den Taschen agieren und Dialekt sprechen und vergibt die Rolle des Prinzen Hamlet an eine Frau. So viel Gespür er für die Bühne hatte, so sehr mangelte es ihm nach den Umbrüchen von 1871 im Hinblick auf das Geschäft und die Zeichen der Zeit. Aber der Schatten des unrühmlichen Endes seines Dresdner Theaters wird überstrahlt vom jahrzehntelangen Wirken eines großartigen, innovativen Künstlers.

Nesmüller Fotografie 1855 Theater im Gewandhaus Sommertheater Fotografie 1870 Anzeige Pariser Leben 1868

Biografische Daten

  • geboren am 9. März 1818 zu Trübau/ Mähren als Sohn eines Schuhmachers, ursprünglicher Name Franz Müller
  • 1831 Tod der Mutter, zum Broterwerb Schuhmacherlehre, musikalischer Autodidakt
  • 1834 (16 Jahre alt) Lehrerseminar in Olmütz, nach bestandener Prüfung Hilfslehrer in St. Michael,
    gleichzeitig 2. Geiger im Orchester des Olmützer Stadttheaters, dort gibt ihm Direktor Carl Burghauser eine Chorstelle mit Solo für 10 Gulden Monatsgage
  • 1.11.1835 erster Bühnenauftritt
  • April 1836 Engagement bei der Wanderbühne Eduard v. Leucherts in Proßnitz (18 km südwestlich von Olmütz) als jugendlicher Liebhaber
  • 18.10. 1841 Heirat von Franz Müller mit Agnes von Leuchert , diese hat Schwestern Anna, Cornelia und Bruder Eduard, Franz fertigt ihre weißseidenen Hochzeitsschuhe selbst und übernimmt die Geschäftsführung seines Schwiegervaters, Franz legt sich Künstlernamen Josef ferdinand Nesmüller zu (Vorsilbe vom Namen seiner Frau), 1845-1850 Engagements in Breslau, Magdeburg, Hamburg und Leipzig
  • 15. Oktober 1849 Aufführung seines ersten Liederspiels „Die Zillerthaler“ im Thalia-Theater Hamburg
    Weitere Werke: „Die Frau Tante“, „Ein armer Teufel“, „Die Pflege-Kinder“, „Die Soldatenfamilie“, „Die Thalmühle“, „ Der Gnom e und sein Narr“, „Sechs Stunden Durchlaucht“, „Nur reell“ „Alle sind frei von Lascivitäten und bekunden großes schriftstellerisches Talent.“ (Dt.Th.Alman.1880, S. 132)
  • Juni-Juli 1850 Gastspiel am Dresdner Hoftheater
  • 1851-1853 Schauspieler am "Carl-Theater" Wien und am "Theater an der Wien"
  • 13.Juni 1853 Erstes Gastspiel des Komikers J.F. Nesmüller vom "k. k. privileg. Carls-Theater" in Wien im "Sommertheater auf Reisewitz" in Plauen bei Dresden „Stadt und Land oder: Der Viehhändler aus Ober-Österreich“ Posse mit Gesang in 3 Akten von Friedrich Kaiser, Sebastian Hochfeld - J.F. Nesmüller
  • 1854 Direktor des Stadtheaters Freiberg und des Sommertheaters auf Reisewitz
  • Herbst 1854 Konzession für die "Alt-und Neustadt zur Errichtung eines Zweiten Theaters (Volkstheaters) in Dresden" von König Johann, Nesmüller bezeichnet sich als Direktor des Volkstheaters
  • Montag, 25. Dezember 1854 Beginn der Vorstellungen des Volkstheaters in der zweiten Etage (Interim) des Gewandhauses mit: Prolog, „Die Fruchthändlerin“ Schauspiel in 5 Akten, „Die Wasserträger von Paris“ nach Macon von Julius Meißner,
  • 14. Juni 1856 Grundsteinlegung für das "Sommertheater im Großen Garten"
  • 2. Juli 1856 Eröffnung des "Sommertheaters im Großen Garten" (Baumeister Sonntag jun., 400 Steh/1680 Sitzplätze, 1200 überdacht, Königsloge, Salon, Pächter: Nesmüller) mit „Er ist Baron, oder: Unter den Linden und in der Reezengasse“, Posse mit Gesang in 3 Aufzügen von Rudolf Hahn, Musik von Theodor Hauptner, Ort der H.: Berlin
  • 14. Dezember 1856 Neueröffnung des "Zweiten Theaters" im Gewandhaus, Neubau über zwei Stockwerke, Ölbeleuchtung
  • April 1865 Agnes Nesmüller eröffnet ein Kindertheater in der Landhausstrasse 7 im Hinterhause II. Stock, Kauf des Sommertheaters im Großen Garten durch Nesmüller, Renovierung
  • 4. Juni 1865 Wiedereröffnung als „Nesmüllers Sommertheater“, jeden Tag vor der Vorstellung eine Stunde Konzert der Theaterkapelle unter MD Heckel
  • 9. Juni 1867 zum ersten Male in Dresden und dann an 150 Abenden wird im Theater Nesmüllers Kalospinthechromokrene (beleuchtetes Wasserspiel) am Schluß der Vorstellung gezeigt. Erbauer Gustav Kluke aus Berlin, Vorführer Ali Belly
  • 8.12.1867 Eröffnung von Nesmüllers Weihnachts-Ausstellung im Gewandhaus, eine Märchenwelt mit "brillanter Gasbeleuchtung", ausgeführt von den Dekorationsmalern Gebr. Borgmann und Falk aus Berlin, mit Theatervorstellungen (am 8.12. zum 14. Mal „So sind die Weiber“)
  • 13.1.1868 Novitäten: „Das Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“ Schönbartspiel von Goethe, mit dem Zwischenspiel „Die beiden Blinden“ von Offenbach; hierauf: „Fitzliputzli oder: Die Teufelchen der Ehe“ Operette von Zaitz (1865 für das k.k.pr. Carltheater), BEGINN DER OPERETTE IN DRESDEN
  • Juni 1868 „Orpheus in der Unterwelt“ von Offenbach im Sommertheater, Nesmüller spielt den Jupiter
  • 12. Juli 1868 „Pariser Leben“ Komische Oper von Offenbach, Nesmüller spielt Gondremark, neue Dekorationen, großer Publikumsansturm, Beifall steigerte sich von Akt zu Akt, Einrichtung des Buches läßt Gabriele (Frl.Weihrauch ganz vorzüglich) im 3. Akt als Admiralin erscheinen, Nesmüller beherrschte die Szene, Duett mit Frl. Weihrauch im 3. Akt so dezent und beachtungsvoll gespielt, wie es ein deutsches Publikum nur wünschen kann. Dem Zweiten Theater gereicht „Pariser Leben“ zur Auszeichnung, denn es hat mehr geleistet, als man bei höchsten Ansprüchen erwarten kann (DA 13.7.1868)
  • 30. Dezember 1868 Der Dresdner Stadtrat kündigt Nesmüller die Nutzung des Gewandhauses zum 1. Januar 1870
  • 28. Januar 1869 „Die schöne Helena“ im "Zweiten Theater", Komische Oper von Offenbach, Nesmüller spielt den Calchas
  • 29. März 1869 „Die Frau Meisterin“ Komische Operette von Suppé zum 1. Mal, 9. Juni 1869 „Flotte Bursche“ Komische Operette von Suppé
  • 22. Juli 1869 „Blaubart“ Komische Oper von Offenbach in "Nesmüllers Sommertheater", zum 1. Male, Nesmüller spielt König Bobèche, Boulotte ist die beliebte und bekannte Laura Schubert a.G. vom Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater in Berlin
  • 25. August 1869 „Die Großherzogin von Gerolstein“ Komische Oper von Offenbach zum 1. Male,Nesmüller spielt General Bumm, Laura Schubert a.G. die Großherzogin
  • 1. Dezember 1869 Bestätigung der Kündigung des Gewandhauses trotz erfüllter Zahlungsverpflichtungen Nesmüllers wegen "Brandgefahr und mangelnder Qualität des Theaters für ein städtisches Gebäude in Dresden" sowie der „mit Vorliebe gegebenen, einer sehr zweideutigen Moral huldigenden Offenbachiaden und deren keineswegs discreter Darstellung „. Vierte Beilage des DA“ 8.12.1869
  • 1. Januar 1870 Benefiz-Vorstellung für das gesamte Herren-Personal des Zweiten Theaters bei festlicher Beleuchtung mit Prolog „Hans Wurst zu Neujahr“ und „Im Laufe unseres Jahrtausends“, 2. Januar 1870 Abschiedsvorstellung des Zweiten Theaters- Benefiz für das gesamte Damen-Personal mit Prolog „Hans Wurst zu Neujahr“ und „Im Laufe unseres Jahrtausends“, ab 1. Mai 1870 ist "Zweites Theater" nur noch "Nesmüllers Sommertheater" im Kgl. Großen Garten, ab 1872 (Eröffnung des Herminia-Theaters und 1873 des Albert-Theaters) zunehmend Publikumsschwund und finanzielle Probleme, Rettungsversuche durch Anmietung anderer Spielstätten scheitern
  • 11. Mai 1877 Eröffnung des "Sommertheaters" mit der „Fledermaus“ von Strauss, Nesmüller spielt den Frosch
  • 26. Mai 1877 zum 1. Male „Der Carneval in Rom“ von Strauss
  • Durch Einspruchsverhandlungen kan Nesmüller trotz Entzug der Konzession 1880 im Sommer 1881 noch einmal spielen, aufgeführt werden u.a. „Die Proletarier von Paris“ von Zola, „Der Revisor“ von Gogol, „Dresdner Leiden, oder: Glück und seine Launen“ Dresdner Lebensbild mit Gesang von A.W., Musik von Fischer
  • 13. Juli 1881 Ablehnung von Nesmüllers Einspruch durch das Ministerium des Innern, Schluss der Vorstellungen bis 18. Juli verfügt
  • 18. Juli 1881 Abschieds-Gastvorstellung der plattdeutschen Schauspieler mit „De lütt Heckenros“ und „Hamburger Leiden“ Schluss des "Zweiten Theaters"
  • Juni 1884 Abriss des Sommertheaters im Großen Garten
  • Bis 1887 wohnt Nesmüller noch in Dresden, wird 1887 Regisseur des Schauspiels und der Posse und Dramaturg am Concordia-Theater Hamburg, gastiert bis zu seinem Tod mehrmals als Schauspieler im Residenz-Theater in Dresden
Lage des Sommertheaters